Der hohe Preis des billigen Fleischs

Veröffentlicht 1. September 2020

Die Fleischindustrie gefährdet Leben und Gesundheit – und zwar nicht nur die der Tiere. Das wissen die Einwohner der Landkreise Gütersloh und Warendorf spätestens seit dieser Woche. Nachdem der Ausbruch des Coronavirus in Deutschlands größtem Schlachtbetrieb Tönnies zu inzwischen mehr als 1.000 Infizierten geführt hat. Die Folgen: Lockdown, Schließungen von Schulen, Kindergärten, Theatern, Kinos. . .

Auch die Gründe sind vielfach diskutiert worden: Weil in Deutschland Fleisch vermeintlich billig sein muss, sind die Arbeitsbedingungen in Schlachthöfen oft unmenschlich: Enge Sammelunterkünfte und eine fehlende Einhaltung von Hygieneregeln begünstigen den Ausbruch des Virus. Die Situation und damit auch das Infektionsrisiko waren lange bekannt. Dennoch haben weder Behörden, noch die Schlachthofbetreiber dafür gesorgt, dass in den Betrieben (Tönnies ist nicht der einzige) Mindestabstände eingehalten werden. Von den Sammelunterkünften, in denen Arbeiter auf engsten Raum gepfercht werden, einmal abgesehen. Das Tragen von Mundschutz ist bei der schweren körperlichen Arbeit in Schlachthöfen ebenso unrealistisch wie im Alltag im Haus. Dass die Schlachthofbetreiber bei der Kontrolle versagen, war zu erwarten. Schließlich bedeutet es für sie Einnahmeeinbußen, wenn dank größerer Mindestabstände weniger Tiere getötet werden können. Doch auch die Behörden haben geschwiegen – wohl auch um wichtige Steuerzahler zu schützen. Denn immerhin ist Fleisch ein Lebensmittel und damit gehört die Industrie zu den wenigen Zweigen, die bisher nicht vom Lockdown und den damit einhergehenden Umsatzeinbußen betroffen waren.

Wie so oft trifft es zuerst die Ärmsten, nämlich Saisonarbeiter, zumeist aus osteuropäischen Staaten wie Rumänien und Bulgarien, die bereit sind, zu diesen Bedingungen zu arbeiten. Doch diese Krise ist anders: Mit den Lockdown sind nun nicht nur die prekär Beschäftigten unter den Verlierern, sondern wir alle. Schulkindern wird das kleine bisschen Bildung verwehrt, das sie vor den Ferien noch hätten bekommen können, Familienurlaube werden seitens der Hotels storniert. Und die Konsequenzen? – Kommen wie immer viel zu spät, wenn überhaupt. Reumütig versprechen die Großschlachtereien in Gütersloh und anderswo (ja, natürlich ist auch Wiesenhof betroffen . . .) künftig von Werkverträgen Abstand zu nehmen. Bis zum Jahresende. Wir können sicher sein: Spätestens jetzt wird die Umsetzung dieses Vorhabens von einer kritischen Öffentlichkeit kontrolliert.

Doch reicht das? Wohl kaum. Die Zusammenhänge sind komplexer. Werden die Arbeitsbedingungen tatsächlich so geändert, dass alle Coronaregeln eingehalten werden können, dann bedeutet das das Ende des Billigfleisches. Größere Mindestabstände in den Fabriken, geräumige Unterkünfte für kleine Gruppen. Schon das wird den Preis des Fleisches deutlich anheben. Damit ist jedoch noch nichts getan für mehr Umweltschutz, oder die bessere Haltung von Tieren. Doch der Preisunterschied zwischen Bio- und konventionellem Industriefleisch dürfte schrumpfen. Dass das zu machen ist, zeigen unsere Nachbarn in Frankreich. Dort gibt es de facto keine Leiharbeit in Schlachtereien. Dort wurden diese Orte nicht zu Coronahotspots. Doch jenseits des Rheins liegt der Preis für Fleisch auch um ein Vielfaches höher als in Deutschland.

Allerdings werden auch bessere Arbeitsbedingungen vielleicht nicht ausreichen, um die Fleischproduktion gegen einen erneuten Corona-Ausbruch zu sichern. Der renommierte Virologe Christian Drosten vermutete schon vor Monaten, dass es wohl die Kälte ist, durch die sich das Virus in Fleischfabriken so gut verbreiten kann. Kalt jedoch muss auch das biologischste Fleisch verarbeitet werden. Bleibt also das Fazit: Fleischkonsum schädigt unsere Gesundheit nun nicht mehr nur, weil es den Cholesterinspiegel hebt und den Klimawandel antreibt. Er steht nun auch noch im Zentrum einer tödlichen Pandemie. Die Entscheidung für oder gegen Fleisch wird damit noch mehr auch zu einer moralischen und politischen Frage.

Diese Frage muss daher auch von der Politik beantwortet werden. Gewisse Produktionsbedingungen sind unmenschlich – waren es schon immer. Es wäre ein positiver Nebeneffekt, wenn Corona zum Anlass wird, sie gesetzlich zu ändern. Denn zahlreiche Beispiele zeigen: Viel besser als Moralurteile helfen Gesetze, eine Situation zu ändern. Wären die Bedingungen, die zu Billigfleisch führen, verboten, so hätten nicht nur Tönnies, Westfleisch und Co keine Geschäftsgrundlage mehr. Verbraucher wären quasi gezwungen, ohne/ mit VIEL weniger Fleisch auszukommen. Ja, das wäre ein Verlust an vermeintlicher Entscheidungsfreiheit. Doch wenn die Auswahl nur durch inakzeptable Produktionsbestimmungen entsteht, ist dies eben keine echte Wahl. Nur durch schärfere Gesetze und entsprechende Kontrollen lassen sich diese gesellschaftlichen Kosten endlich auf die Verursacher abwälzen. Denn die haben die Wahl. Die Einwohner der Kreise Warendorf und Gütersloh haben sie nicht.